ManuelaEines Morgens klingelte mein Telefon und eine Stimme sagte mir: „Luna, Manuela ist gestorben.
Ich bin es. Morean, die Schwester von Manuela“.

„Um Gotteswillen, was ist passiert?“

„Ich weiss es nicht: Die Polizei rief mich heute an und sagte, dass Manuela in einem Zug, in der Toilette tot aufgefunden wurde. Sie haben mir Bilder von ihr gezeigt. Schlimm. Überall waren Schläuche an ihr befestigt. Man hat versucht sie ins Leben zuzurück zu bringen. Es war aber schon zu spät. Jemand sah wie Manuela im Zug auf die Toilette ging, aber sie kam nicht mehr heraus. Diese Person klopfte dann an die Toilettentüre, aber es meldete sich niemand. Daraufhin suchte diese Frau einen Zugbegleiter, der dann die Toilette öffnete. Manuela stieg am Hauptbahnhof in den Zug und betrat kurz darauf die Toilette. Erst 10 Stationen weiter wurde die Türe geöffnet. Was genau passiert ist weiss niemand. Hast du Telefonnummer von ihrem Freund? Jemand muss ihm Bescheid geben.“

Ich war wie versteinert.
Manuela rief mich tage zuvor noch an um sich mit mir zu verabreden. Ich freute mich auf das Treffen, das nun leider nicht mehr statt fand, da ich sie schon Wochenlang nicht sah.

Manuela war eine meiner allerliebsten Freundinnen. Obwohl „lieb“ zu ihr eigentlich gar nicht passte. Wer sie das erste mal sah, erschrack erst mal vor ihrer zügellosen Art. Sie sprach immer viel, hatte ein lautes Organ, war sehr burschikos, etwas dicklich und alles andere als weiblich gekleidet. Manuela verhielt sich eher wie ein wilder Truckerfahrer. Immer eine Zigarette im Mund und in der Hand eine Dose Jacky-Cola. Ich würde sagen sie war einfach gut getarnt, denn in ihrem Innern war sie der aufopfernste, liebevollste und hilfsbereiteste Mensch den ich je kannte.

Sie wollte alles und jeden retten, nur bei sich selbst hat sie das meist vergessen. Ich habe sie im Lauf der Jahre sehr oft gerettet, vor allem möglichen und unmöglichen und des öfteren auch vor sich selbst. Oft musste ich mit Manuela streng ins Gericht gehen, aber ich half ihr gerne, wenn ich konnte, weil sie einfach so ein liebenswertes Seelchen war, wenn man sie kannte. Manuela war auch den Drogen nicht abgeneigt und deshalb vermuteten wir, dass sie eventuell daran verstorben sein könnte.

Ich suchte die Telefonnummer ihres Freundes heraus, der das ganze Gegenteil von ihr war. Ein großer, gutaussehender, gepflegter Mann. Immer ganz ruhig und zurück haltend. Ein schüchterner genügsamer Mann, der nicht Trank und schon gar nicht rauchte, geschweige denn etwas mit Drogen zu tun haben wollte. Wenn man die beiden nebeneinander sah, konnte man sich wirklich nicht vorstellen das dass ein Paar war.
Aber so unterschiedlich sie optisch waren, so hatten sie doch viele Gemeinsamkeiten. Beide waren sehr gottgläubig, naturverbunden, fleißig, ehrlich, schüchtern. Sie war für ihn die Welt und er war für sie der Fels in der Brandung.

Da ich die Nummer offensichtlich falsch notiert hatte, waren meine Anrufversuche erfolglos.
So rief ich bei Liane an.

„Hallo Liane, ich habe eben erfahren, dass eine sehr gute Freundin von mir verstorben ist. Kannst du mir dazu etwas sagen?“

„Wie heisst deine Freundin?“
„Manuela Hager“

„Manuela sagt, dass es schlimm für sie war, sie hatte Angst, alles ging so schnell.“
„Sie sagt: Ich war im Zug, auf dem Weg Nachhause. Plötzlich wurde mir schlecht. Mir war auch schon die letzten 14 Tage immer schlecht und ich musste mich übergeben. ich dachte ich hätte einen Virus. Also ging ich im Zug auf die Toilette weil ich dachte dass ich mich wieder übergeben muss.
Auf einmal sah ich meinen Körper am Boden liegen. Ich schwebte über mir und hatte so viel Angst. Es dauerte so lange bis die Türe wieder aufging, ich konnte sie nicht mehr öffnen.

Zwei Engel kamen und wollten mich mitnehmen. Aber ich wollte nicht. Ich  sagte ihnen, dass ich Nachhause muss, mein Freund wartet.
Die Engel meinten das dass nun nicht mehr geht, dass ich jetzt wo anders hingehen muss, das ich nicht mehr zurück kann.

Aber das geht nicht. Ich habe noch soviel zu tun. Ich habe noch so viel vor. Ich muss mich von Edgar verabschieden, ich muss ihn zum Abschied küssen, er wartet auf mich am Bahnhof. Ich habe doch noch so viele Pläne…“

Liane fragte mich ob Manuela auch einen Hund hatte der verstorben sei.

„Ja, Maxi. Dieser Hund war ihr ganzes Leben. Er starb vor einem Jahr.“

Liane: „Ich sehe Manuela auf einer Wiese sitzen und neben ihr sitzt ein großer schwarzer Hund.“

„Ja, das ist ihr Hund Max“

„Manuela sagt, sie freut sich das ihr Hund bei ihr ist. Sie würde so gerne mit ihm spielen, aber sie kann nicht. Sie hat überhaupt keine Kraft.“

Sie sitzt vor einer großen Holztüre und dahinter ist ganz helles Licht, aber sie kann nicht durch die Türe gehen, sie ist für sie versperrt.

Darauf hin fragte mich Liane ob Manuela schon begraben sei.
Nein antwortete ich, sie ist erst gestern verstorben.

„Ah so, deshalb sitzt sie wohl noch vor dieser Türe“.

„Sag meinem Freund es tut mir leid, er soll sich keine Sorgen machen, irgendwie wird alles wieder gut. Er muss auf sich aufpassen und ich bin bei ihm.“

Es dauerte dann noch einige Stunden bis Manuelas Schwester wieder bei mir anrief. Sie hatte die richtige Telefonnummer von Edgar herausgefunden und teite ihm das Unglück auch schon mit.

Ich rief ihn auh an an und sagte ihm er solle bei uns vorbei kommen und ein paar Tage bleiben, damit er nicht mit seinem Schmerz alleine sein musste.

Edgar kam und bestätigte Lianes Aussagen, dass er auf Manuela gewartet hatte am Bahnhof und dass Manuela dachte sie hätte einen Virus weil sie sich ständig übergeben musste. Das wusste aber nur Manuela und Edgar!

Manuela starb an einem Herzinfarkt

 

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